36 Schreckgespenster ziehen durch Recklinghausen

Gegen den für Samstag, den 14.05. angekündigten Aufmarsch von Neonazis haben wir in einem antifaschistischen Bündnis zu Protesten aufgerufen. Durch unsere Recherche- und Pressearbeit haben wir die als „Bürgerinitiative gegen Kindesmissbrauch“ firmierenden Organisator_innen des Aufmarsches als auch auch ihre Forderungen als neonazistisch enttarnt und den Missbrauch der Interessen der Opfer von sexueller Gewalt skandalisiert. Verschiedene Initiativen von der Stadt bis zur Kirche als auch wir als autonome Antifaschist_innen organisierten daraufhin Gegenaktivitäten in der Recklinghäuser Innenstadt. Nach einwöchiger Mobilisierungszeit unsererseits fanden sich dann etwa 70 Antifaschist_innen am Treffpunkt der Neonazis, dem Recklinghäuser Hauptbahnhof, ein, um sie gebührend zu empfangen. Entgegen der restlichen Akteur_innen an diesem Tag war für uns klar, dass wir unseren Protest direkt an die Nazis tragen und ihren Aufmarsch soweit als möglich erschweren wollten.

Einige Neonazis, die Antifaschist_innen an unserem Treffpunkt provozieren und bedrohen wollten, bekamen dann auch gleich die Quittung dafür, noch bevor sich der Aufmarsch der Nazis an einem mickrigen Parkplatz neben dem Hauptbahnhof unter starken Polizeischutz sammelte. Die Neonazis konnten dabei nur ein ebenso mickriges Aufgebot von 36 Schreckgespenstern mobilisieren, die fast ausnahmslos aus dem Spektrum der organnisierten Neonazis und ihrem subkulturellen Milieu stammen. (Bildergallerie) Das Ziel, über diesen Kreis hinaus „Bürger“ zur Teilnahme am Aufmarsch zu bewegen, indem man die eigenen Forderungen bewusst abschwächte und Hinweise auf die neonazistische Herkunft der „Bürgerinitiative“ unterlies, erwies sich hier bereits als grandios gescheitert. Wir führen dies auf unsere Arbeit im Vorfeld des Naziaufmarsches zurück. Immerhin hatten sich in einer Facebook-Gruppe, in der der Aufmarsch organisiert wurde, über 100 Personen nicht nur aus dem rechtsradikalen Milieu vernetzt, ihre Sympathie für die Ziele der Gruppe und ihre Teilnahme am Aufmarsch bekundet, bevor die Gruppe auf antifaschistische Intervention vom Betreiber gelöscht wurde.
Unter starkem Polizeischutz marschierten die Neonazis dann unter Fahnen der NPD einmal die kurze Strecke in die Innenstadt und verlasen ihre peinlichen Reden über ein kleines, kaum verständliches Fußball-Megaphon. Die geplante echte Demonstration durch die Recklinghäuser Innenstadt sagten die Neonazis aufgrund ihres winzigen Aufgebotes, das sie nun im Internet mit ebenso peinlichen Ausreden rechtfertigen, ab, machten kehrt und marschierten zurück zum Bahnhof. Flankiert wurden sie die ganze Zeit über von Antifaschist_innen, die die Ortskenntnis gegen die teilweise auswärtigen Polizist_innen ausnutzten und die Nazis aus vielen Geschäftseingängen, Seitenstraßen und auf dem Platz des alten Marktes selbst gebührend begleiteten und die „Kundgebung“ störten. Außerdem wurden mehrere hundert Flyer an Passant_innen verteilt, die über die Ziele der Neonazis aufklärten, den Missbrauch der Opferinteressen skandalisierten und den Strafsehnsüchten der Neonazis eine Perspektive auf sexuelle Selbstbestimmung entgegensetzten.
Die abgestellten Polizist_innen setzten die Protestierenden dabei unverhältnismäßiger Gewalt aus, um den Aufmarsch der Neonazis durchzusetzen. Mehrere Personen erlitten Faustschläge oder sogar eine Kneifattacke im Brustbereich. Außerdem wurden Hunde gegen die Protestierenden eingesetzt, teilweise ohne Maulschutz. Mehrere Gruppen von Antifaschist_innen wurden von der Polizei festgesetzt und mit einem Platzverweis der Innenstadt verwiesen. Wir protestieren aufs Schärfste gegen diesen Ausbruch der Gewalt, die teilweise eben nicht mehr der Durchsetzung der Versammlungsfreiheit, sondern der gezielten körperlichen Verletzung von Demonstrierenden und ihrer Einschüchterung dienen sollte!

Eine Woche nach dem Aufmarsch ist unsere Analyse des letzten Wochenendes, dass die Neonazis mit ihrer „Intiative gegen Kindesmissbrauch“ einen neuen Meilenstein in ihrem Niedergang in Recklinghausen gesetzt haben. Viele Recklinghäuser Neonazis nahmen am Aufmarsch garnicht erst teil, der absolute Großteil der im nördlichen Ruhrgebiet aktiven „Autonomen Nationalist_innen“ boykottierte ebenfalls die Aktion. Marler Neonazis, die noch Anfang 2010 etwa 200 Neonazis zum selben Thema zu einem Aufmarsch in ihre Stadt locken konnten, ließen sich genausowenig blicken. Das bloß noch im Internet unter dem Namen „Nationaler Widerstand Recklinghausen“ auftretende Überbleibsel der einstigen parteifreien Recklinghäuser Neonazis äußerte sich bis heute erst garnicht zu der Aktion. Den Kern der Organisation bildete hingegen die Dattelner NPD-Frau Marion Reinert zusammen mit dem Rest der „Autonomen Nationalisten Haltern“, die mittlerweile weitestgehend aus den Kreisen der „Autonomen Nationalist_innen“ im nördlichen Ruhrgebiet ausgegrenzt sein sollten. Ob es sich für die von antifaschistischem Widerstand in Haltern am See geplagten Nazis lohnte, wieder mal nach längerer Abstinenz ihren neonazistischen Wahn in den Wald zu rufen, wird sich zeigen.

Wir schließen daher unsere Aktivitäten gegen den Neonaziaufmarsch am 14.05. in Recklinghausen als vollen Erfolg ab. Wir konnten innerhalb von einer Woche viele entschlossene Antifaschist_innen dazu mobilisieren, sich trotz des schwierigen Themas den Neonazis aktiv in den Weg zu stellen. Wir haben die Pläne der Neonazis, als „Wolf im Schafspelz“ aufzutreten, konsequent unterbunden. Wir haben auf Flugblättern und in unserer Mobilisierung die Aufmerksamkeit genutzt, zumindest sehr kleine Akzente hin zu einer richtigen, das heißt feministischen Kritik des Interesses der Nazis am Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs als auch zum Thema selbst zu setzen. Zuletzt standen sich die Neonazis dann selbst im Weg.

Bündnis „Wer am lautesten brüllt…“, antifa.recklinghausen, Mai 2011